
Ein Kind reicht einem anderen wortlos das Trostpflaster-Stofftier, weil es sieht, dass sein Freund traurig ist. Ein anderes hält beim Anziehen die Tür auf, ohne dass jemand es ihm gesagt hat. Nächstenliebe beginnt bei uns nicht mit großen Worten, sondern mit genau solchen kleinen Momenten, die sich jeden Tag im Kita-Alltag ereignen.
Was Nächstenliebe für Kinder bedeutet
Für kleine Kinder ist Nächstenliebe zunächst kein abstraktes Wort, sondern etwas ganz Konkretes: dem weinenden Kind ein Taschentuch bringen, beim Aufräumen mit anpacken, obwohl man selbst schon fertig ist, oder dem neuen Kind in der Gruppe einen Platz am Tisch freihalten. Diese Gesten lernen Kinder nicht durch Belehrung, sondern durch Vorbild und durch die Gelegenheit, sie selbst zu erleben und zu üben.
Wie wir das im Alltag begleiten
Wir schaffen bewusst Situationen, in denen gegenseitige Rücksicht gebraucht wird: beim gemeinsamen Tischdecken, wenn Aufgaben geteilt werden, oder wenn ein Kind Hilfe beim Schuhe-Binden braucht und ein anderes einspringt. Wichtig ist uns dabei, dass Helfen nie erzwungen wird. Ein Kind, das gerade selbst Trost braucht, kann in diesem Moment nicht auch noch für andere da sein – und das ist in Ordnung. Nächstenliebe wächst am besten dort, wo sie freiwillig bleibt.
Vorbild sein, nicht nur erklären
Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene miteinander umgehen. Wenn wir Erzieherinnen einander freundlich helfen, uns bedanken und respektvoll miteinander sprechen, ist das oft wirkungsvoller als jede Ermahnung. „Sei nett zu deinem Freund“ wirkt wenig, wenn Kinder im Alltag etwas anderes vorgelebt bekommen. Deshalb versuchen wir, Rücksichtnahme selbst vorzuleben, statt sie nur einzufordern.
Kleine Gesten mit langer Wirkung
Ein Kind, das früh erlebt, dass Helfen sich gut anfühlt und dass es selbst etwas bewirken kann, trägt dieses Gefühl weit über die Kita-Zeit hinaus. Es lernt, auf andere zu achten, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Genau das verstehen wir unter gelebter Nächstenliebe: keine große Aufführung, sondern viele kleine, echte Gesten, die sich mit der Zeit zu einer Haltung summieren.
Oft sind es die kleinsten Hände, die uns am deutlichsten zeigen, was Nächstenliebe wirklich bedeutet.
Laura
